Stand: 7. Juli 2026 · wird aktualisiert
Die inklusive Jugendhilfe kommt: die Betriebsanleitung für deinen Träger
Zum Referentenentwurf der SGB-VIII-Reform gibt es Dutzende Verbands-Stellungnahmen und null Betriebsanleitungen. Das hier ist die Betriebsanleitung: was beschlossen werden soll, was es für deinen Träger praktisch heißt und was du 2026 sinnvollerweise tust, ohne in Panik umzubauen.
Faktenlage: Referentenentwurf des 1. Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetzes vom 23.03.2026 (BMBFSFJ). NICHT beschlossen, Verbändekritik massiv (Übersicht IGfH). Damit die Gesamtzuständigkeit 2028 startet, muss das Folgegesetz bis zum 01.01.2027 verkündet sein: 2026 ist das Entscheidungsjahr.
Die vier Änderungen, die dich betreffen
- Das Jugendamt wird für alle Kinder zuständig (ab 01.01.2028). Die Trennung „seelisch → Jugendamt, geistig/körperlich → Eingliederungshilfe" fällt; rund 300.000 junge Menschen wechseln die Zuständigkeit. Für Träger heißt das: neuer Vertragspartner, neue Verfahren, Kostenträgerwechsel in laufenden Fällen.
- Schulbegleitung soll gepoolt werden. „Infrastrukturelle Erziehungshilfen" statt striktem 1:1: Eine Kraft für mehrere Kinder, Stunden auf mehrere Bescheide verteilt. Der Entwurf kalkuliert damit Einsparungen bis 2,7 Milliarden Euro jährlich (2036), entsprechend hart ist der Streit um den individuellen Rechtsanspruch.
- ICF-CY wird Standard der Bedarfsermittlung. Ziele und Bedarfe werden in der Kinder-Version der internationalen ICF-Klassifikation beschrieben — so, wie es die Bedarfsermittlungsinstrumente der Eingliederungshilfe (§ 118 SGB IX) heute schon vormachen.
- Verfahrenslotsen werden ausgebaut (§ 10b SGB VIII, seit 2024): Familien bekommen Begleitung durchs Hilfesystem, eine neue Rolle, mit der deine Fachkräfte zusammenarbeiten werden.
Was du 2026 wirklich tun solltest
Wenn du Schulbegleitung anbietest
- Konzept pool-fähig denken: Kannst du heute abbilden, dass eine Kraft drei Kinder begleitet und die Stunden je Bescheid getrennt nachgewiesen werden? Wenn nein, ist das die eine strukturelle Vorbereitung, die sich sicher lohnt, egal wie das Gesetz im Detail ausgeht. Ämter testen Pool-Modelle jetzt schon (das Saarland arbeitet längst mit 1:3).
- Beim Jugendamt bekannt sein: Wenn deine Fälle bisher über den EGH-Träger laufen, bau 2026/27 die Beziehung zum Jugendamt auf. 2028 ist es dein Vertragspartner.
Wenn du Eingliederungshilfe für Kinder/Jugendliche erbringst
- Fälle wechselfest machen: Jeder Fall braucht eine saubere Historie (Bewilligungen, Rechtsgrundlagen, Ziele), die einen Kostenträgerwechsel übersteht, ohne dass Wissen verloren geht.
- Doppelstruktur einplanen: Erwachsene bleiben bei der Eingliederungshilfe. Wer beide Altersgruppen bedient, arbeitet ab 2028 dauerhaft mit zwei Kostenträger-Welten.
Für alle
- ICF-orientiert dokumentieren, jetzt schon: Wer Ziele heute nach ICF strukturiert und Zielerreichung belegt, muss 2028 nichts umlernen und punktet schon heute in Hilfeplan- und Gesamtplangesprächen.
- Nicht umbauen, was nicht beschlossen ist: Keine Rechtsformwechsel, keine Personalentscheidungen „wegen der Reform". Der Entwurf kann sich noch deutlich ändern.
Was das für wen heißt
2026 beobachten, Beziehungen zum Jugendamt aufbauen, Konzept auf Pool-Fähigkeit prüfen. Große Investitionsentscheidungen erst nach Gesetzesbeschluss.
ICF-basierte Zielarbeit ist die eine Fähigkeit, die sicher wichtiger wird. Und: Verfahrenslotsen sind künftig Partner, keine Konkurrenz.
Der individuelle Anspruch eures Kindes besteht fort; um seine Ausgestaltung (1:1 vs. Pool) wird politisch gerungen. Elternverbände wie die Lebenshilfe vertreten das laut, es lohnt, dort hinzuhören.
Der Zeitplan
| Wann | Was |
|---|---|
| 23.03.2026 | Referentenentwurf 1. KJHSRG |
| 2026 | Verbändeanhörung, Kabinett, parlamentarisches Verfahren: das Jahr der Debatte |
| bis 01.01.2027 | Folgegesetz muss verkündet sein, sonst verschiebt sich alles |
| 01.01.2028 | geplanter Start der Gesamtzuständigkeit |
Mehr dazu
- Reform-Radar (Langfassung mit Hintergrund)
- Wer zahlt Schulbegleitung heute? Alle 16 Länder
- ICF-Ziele praktisch dokumentieren
Quellen sind im Text verlinkt. Einordnung, keine Rechtsberatung. Bei neuen Entwicklungen wird dieser Beitrag aktualisiert.